ECHO96 Leseprobe

Hier findest du den Anfang meines Romans „ECHO96“ (WortVibe Verlag, VÖ 16.4.26). Viel Spaß beim Reinlesen!

2010 … Julia Bredenau war ein durchschnittlicher Typ. Durchschnittlich im Sinne von normal. Sie trug Schuhgröße 39 und war 1,71 m groß. Ihr IQ mochte gut und gerne bei 100 liegen, ihr BMI war sicherlich auch nichts Ungewöhnliches.

Ihre Haarfarbe war die Häufigste mitteleuropäischer Frauen — blond. Aber eben auch Straßenköterblond, deswegen hatte es das gewisse Nichts, und deswegen färbte sie es haselnussbraun. Schließlich war sie Frisörin, die tagtäglich mit Haarverschönerung beschäftigt war. Wer kam da nicht auf Ideen? Es ging ihr nicht darum, aufzufallen, aber mutwillig eine unattraktive Haarfarbe spazieren zu tragen — das musste ja nun auch nicht unbedingt sein.

Es sollte aber auch nicht so wirken, dass sie normal oder durchschnittlich im Sinne von nichts Besonderes war. Also, natürlich so gesehen nichts Besonderes, denn wer war das schon … Sie hatte, wie erwähnt, einen normalen Beruf, wohnte in einer normalen Wohnung (knapp 70 qm Dachgeschoss) in einer durchschnittlichen Kleinstadt bei Kassel, besaß einen Kater namens Garfield und ging zweimal die Woche zum Yoga. Wie fast jede Frau zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig im Jahr 2010. Sie ernährte sich so oft es ging ayurvedisch. Ihre Yogalehrerin hatte gesagt, sie sei ein Kapha-Pitta-Mischtyp. Deswegen schnippelte sie morgens öfters mildes Obst auf Bio-Amaranth-Pops und würzte das Ganze mit Kurkuma und Zimt. Sie las gern: Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest; Feng Shui für ein erfüllteres Leben, immer wieder Eat, Pray, Love und hatte die Brigitte abonniert. Ein Krimi lag auch meist bei ihr rum; ihr Vater, Realschullehrer für Deutsch und Geschichte, mochte Mankell, Nesser & Co. und hatte Freude daran, ihr seine ausgelesenen Exemplare auszuleihen. Also nahm sie sie. Ab und an schaute sie Grey’s Anatomy oder Filme wie Tatsächlich Liebe, Wie ein einziger Tag und natürlich Bridget Jones. Mark Darcy! Aber das war eben alles nichts Besonderes. Außer vielleicht die ayurvedische Ernährung. Die sie ja aber wegen ihrer Gesundheit eingeführt hatte. Und vielleicht wegen ihrer Figur. Aber eben nicht, um sich nun irgendwie einen besonderen Anstrich zu verpassen.

Dass sie oder ihr Leben aber auf eine Art nichts Besonderes waren, die gleichzusetzen wäre mit für die Tonne — das war’s nun auch nicht. Julia ging es gut, ihr Leben lief super, es war alles positiv, also, im normalen Maße positiv. Sie war Inhaberin ihres eigenen Friseursalons J&J Hair und hatte tolle Mitarbeiterinnen: Verena, Yvonne, Tanisha und Sabrina, die über die Jahre enge Freundinnen geworden waren. Der Salon hatte einen großen Kundenstamm, lief also top. Das helle, freundliche Ladenlokal mit seinen karamellfarbenen Sesseln, chic schwarzen Haarwaschbecken, beleuchteten Spiegeln und seiner wohligen Geräuschkulisse aus plätschernden Wasserhähnen, rauschenden Föhnen, schnatternden Kunden und Kolleginnen, klingelndem Telefon und leiser Musik im Hintergrund war für Julia ein zweites Zuhause. An zwei Tagen die Woche, dienstags und freitags, fuhr sie mit ihrem kleinen Ford Ka dorthin, denn dann brachte sie frische Blumen für den Empfangstresen mit. An den übrigen Tagen nahm sie ihr Fahrrad — Bewegung war nun mal wichtig.

Außerdem hatte sie eine tolle Familie, zu der sie einen guten Draht hatte. Ihr Vater lieh ihr ihr nicht nur die Krimis, sie konnte sich auch gut mit ihm unterhalten. Marion, seine zweite Frau, war eine hervorragende Köchin und insgesamt total nett und lud Julia immer noch regelmäßig zum Essen ein — und jedes Mal schmeckte es fantastisch. An ihrer fünfzehnjährigen Schwester Bella hatte Julia einen besonderen Narren gefressen, manchmal fühlte sie sich heimlich wie deren zweite Mutter. Denn schließlich hatte sie Bella mit großgezogen und häufig im Buggy durch die Gegend geschoben und sie gebabysittet. Ihr Bruder Maximilian war siebzehn und ziemlich flügge, im Verlauf des letzten Jahres hatte sie ihn deutlich weniger gesehen als die ganzen Jahre davor. Aber so war es halt.

Nein, es war wirklich alles super, sie konnte sich nicht beklagen. Nur dass sie Single war, war vielleicht ein kleines Thema. Aber andererseits war sie ja auch erst dreißig, das wollte sie sich immer wieder sagen. Heutzutage musste man da nicht schon verheiratet sein, manche Frauen bekamen erst deutlich später ihr erstes Kind. Es war also noch mehr als genug Zeit.

Ein Profil auf finya.de hatte sie aber trotzdem. Sich umzuschauen schadete ja nicht. Zudem stand in einem halben Jahr Sabrinas Hochzeit an, und wenn Julia ganz ehrlich war, wollte sie schon lieber mit Begleitung dorthin gehen. Verena, Yvonne und Tanisha hatten auch alle einen Freund.Vielleicht würde sie sie ja Glück haben. Vielleicht wartete ihr Mr. Right nur ein paar Klicks entfernt. Oder noch ganz altbacken hinter der nächsten Straßenecke. Oder ob ihr Vater eine befreundete Familie mit einem Single-Sohn im passenden Alter hatte, so wie Bridget Jones’ Mutter? Sie musste an die Truthahn-Curry Szene zu Anfang des Films denken. Mark Darcy im Rentierpulli. Wie konnte Bridget sich von diesem Pulli, der doch eigentlich nur total süß und herzerwärmend war, nur so abschrecken lassen, dass sie den verständnisvollen, aufrichtigen, treuen Mann darin nicht wahrnahm? Das würde ihr nicht passieren! Ein leichter Fehltritt in der Outfitwahl tat doch Liebe und Verbundenheit keinen Abbruch. Mehr noch, wenn ihr potentieller Freund mal was tragen würde, was andere als peinlich abstempelten, würde sie das Gefühl genießen, als einzige an dieser Hülle vorbeischauen und den tollen Mann darin erkennen zu können.

Mit den Bildern von Renée Zellweger im Kopf, wie sie von Mark Darcy schüchtern angelächelt wird, rührte sie die Strähnchenfarbe für Frau Dietz an.

»Na, wie sieht’s mit der Tischherrensuche aus?« Julia blickte auf. Verena war neben ihr in der Farbecke erschienen und begann, sich an den Tuben im Regal zu bedienen.

»Ich bin dabei …«, sagte Julia. »Ich hab doch heute Abend das Date.« Sie zuckte mit den Schultern und hoffte, dass sie dadurch entspannt wirkte. So, als wäre ihr das Ganze egal.

Verena drehte sich zu ihr, grinste und ließ ihre Augenbrauen winken. »Stimmt. Was war das noch mal für ein Typ?«

»Thomas. 37. Immobilienbranche.«

»Nicht schlecht«, kommentierte Verena. »Hoffentlich tickt seine biologische Uhr noch nicht so laut.« Verena zwinkerte, nahm ihren Farbtopf und verschwand in den Salon.

Julia folgte ihr.

Thomas. Vor zwei Monaten hatten sie sich das erste Mal über Finya geschrieben. Auf seinem Foto sah er unglaublich gut aus, fast schon modelmäßig, in hellgrauem Anzug mit dunklen, zurückgegelten Haaren. Es war recht schwierig gewesen, einen Termin für ein Treffen zu finden, da er beruflich wohl recht eingespannt war. Aber nun hatte es geklappt. Julia hatte sich die letzten Tage ermahnt, nicht zu oft an Thomas und das bevorstehende Date zu denken. Damit im

Zweifelsfall die Enttäuschung hinterher nicht zu groß war. Das war ihr natürlich nur so halbwegs gelungen.

»So, dann wollen wir mal.« Julia riss das erste Alustück ab und begann, Frau Dietz’ abgeteilte Haare mit dem Stielkamm zu strähnen.

»Das wird super aussehen zu Ihrer Augenfarbe mit dem Goldton. Das wird richtig gut aussehen!«, sagte Julia.

Die Türglocke klingelte. Während sie mit dem Pinsel über eine Portion Haare strich, warf sie einen kurzen Blick in den Spiegel, um zu schauen, wer hereinkam. Enes. O Gott, den hatte sie ja völlig vergessen!

»Hi!«, rief sie. »Sorry, ich bin hier noch so zehn, fünfzehn Minuten beschäftigt.«

»Hey, Julia. Kein Ding. Ich hab Zeit.«

»Geh sonst einfach in die Küche und nimm dir ’nen Kaffee.«

»Danke dir!«

Enes war Vertreter von SilvO, der Firma, von der Julia seit Jahren Farben und Pflegeprodukte bezog. Sie beobachtete durch den Spiegel, wie er seine braune, etwas speckig wirkende Lederjacke auszog und an die Garderobe hing. Er trug ein recht enges schwarzes T-Shirt, welches in einer Baggy Jeans steckte, die zu weit unten auf der Hüfte saß. Love Handles waren deutlich zu erahnen. Zu viel Information, fand Julia. Und kam sich vor sich selbst etwas blöd vor, dass sie Love Handles gedacht hatte. Aber — Männer waren extrem bewertend, wenn es um weibliche Körper ging! Da durfte einem andersrum doch wohl auch mal was auffallen. Und vor allem änderte das ja nichts daran, dass Enes ein ganz netter Typ war. Aber ein weiteres Oberteil oder ein höherer Hosenbund wären schon vorteilhaft.

Nachdem alle Strähnen gelegt waren, bot Julia ihrer Kundin ein Getränk und Zeitschriften an und positionierte die Wärmehaube. Dann ging sie rüber in die Küche und sagte zu Enes, während sie ein Glas Orangensaft eingoss: »Bitte entschuldige! Ich bin gleich bei dir.«

Enes sah von seinem Smartphone auf und lächelte sie an. »Mach dir keinen Stress.«

»Ok.« Julia verließ die Küche mit dem Saft, machte einen Schlenker durch den Wartebereich und griff sich eine Schöner Wohnen und eine Elle und brachte alles zu Frau Dietz.

»Viel zu tun?«, fragte Enes, als Julia wieder in der Küche erschien.

»Ja. Zum Glück.« Sie nahm sich ebenfalls einen Kaffee, und setzte sich zu ihm an den Bistrotisch.

»Was ist das für ein Foto?«, fragte er und zeigte auf das kleine gerahmte Bild, welches halb von der Kaffeemaschine verdeckt wurde. Da hatte Enes seinen Blick aber gründlich schweifen lassen.

»Ach das«, Julia nahm kurz einen Schluck Kaffee, »das bin ich mit meiner Cousine. Früher.« Julia brauchte das Bild nicht anzuschauen um zu wissen, dass sie und Jessy darauf Arm in Arm in Bredenaus Wohnzimmer standen. Beide mit aufwändig durch Jessy hergestellte Locken beziehungsweise Wellen, Jessy mit einem auf Bauchnabelhöhe geknoteten Jeanshemd, sie selbst im roten Karohemd, beide frisch geschminkt für Hendriks Party.

»Wo seid ihr da?«

War Enes nicht hier, um über die neue Pflegeserie zu sprechen?

»Siehst cool aus in dem Outfit! Voll retro.«

Jessys warm matschiges, vollgerotztes Taschentuch in ihrer Hand. »Kann es nicht sein, dass du dir das alles nur einbildest mit Tom Perry? Wir haben hier unser Leben und er ist… ganz woanders. Ihr habt doch nicht wirklich was miteinander zu tun. Komm schon.«

Julia schüttelte kurz den Kopf. »Ja, retro, das kann man wohl sagen.« Sie blickte schnell zu Enes. Er hatte dunkle, fast schwarze Augen, aus denen ein verschmitztes Lächeln blitzte.

»Wohnt deine Cousine auch hier?«

Julias Herz beschleunigte für ein paar Schläge. »Nein, in … Aachen«, stolperte sie. Sie räusperte sich. »Ich will nicht unfreundlich sein, aber ich muss wieder-« Julia wies mit dem Daumen in Richtung Salon.

»Ja klar, entschuldige, völlig klar.« Enes nahm seinen Koffer hoch, legte ihn auf seine Knie und öffnete ihn. »Was ich dir heute zeigen möchte ist unsere neue High-Performance Pflegeserie, hier habe ich ein paar Proben und etwas Infomaterial.« Er holte Fläschchen und Tütchen und Broschüren hervor und legte sie auf den Bistrotisch. Dann erzählte er von der Pflege, wie sie von Färbung geschädigtes Haar nochmal besser aufbereitete und es doch formbar ließ fürs Styling.

»Wir bringen außerdem ein paar neue Nuancen aus dem Irisch-blond-Kupfer-Bereich raus«, fuhr er fort, und legte Julia noch einen Flyer vor. »Ist Trendfarbe.«

»Klingt spannend.«

»SilvO macht im Juli wieder eine Academy in Färbetechniken. In Düsseldorf.« Enes lächelte sie schon wieder an, während er den Flyer dazu kurz hochhielt. »Falls du oder deine Kolleginnen dabei sein wollen.«

Julia nickte. »Ich überleg mal.«

»Soll ich dir demnächst ein paar Farbproben rumbringen?«

Julia wusste, dass sie langsam zurück zu Frau Dietz musste. Des-wegen bejahte sie schnell. Enes schien ihre positive Reaktion zu freuen. Mit Sicherheit bekam er Provision. »Alles klar, dann sehen wir uns bald wieder.«

Julia nickte. »Genau.« Sie stand auf, Enes tat es ihr nach. Er schloss seinen Koffer, und Julia brachte ihn zur Tür.

»Nutzen schon viele Salons die neue Pflegeserie?«, fragte sie im freundlichen Smalltalkton, als Enes seine Jacke überzog.

»Ja, bei uns im Osnabrücker Raum schon einige«, gab er zurück.

»Nicht schlecht… und, musst du jetzt direkt dorthin zurückfahren?«

»Ne, ich habe noch weitere Termine hier auf der Ecke.«

»Ok, na, dann hab heute Abend eine entspannte Rückfahrt.« Julia lächelte ihn an.

»Danke!« Enes lächelte zurück. »Und dir … ’ne schöne Zeit. Wir hören.«

»Tschüss!«, sagte Julia, während die Tür hinter ihm zufiel.

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